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Bill Viola: Fire Angel

imitatio et traditio

Lernen und Bildung sind ein aktuelles Thema. Unsere Bildungssysteme stehen auf dem Prüfstand, werden auf ihre Effektivität hin evaluiert - man mag hoffen: es gebe noch den Raum der Muße, des Nicht-Verzweckten als Quelle des Schöpferischen...

Die Globalisierung und der mit ihr einhergehende Wettbewerb hält auch im Bildungswesen Einzug. Wir erfahren die Bereicherung anderer Kulturen im globalen Dorf und stehen oftmals nur staunend vor den Wundern der Wissenvermittlung außerhalb unseres europäischen Horizonts...

Was bedeutet es, zu überliefern, eine traditio weiterzugeben ? Was ist Lehren ? Eine Form der Übersetzung ? Und wie ist das Verhältnis von Lernen und Lehren oder von input und output ?

Der Literaturgeschichte lehrende, brillante Kulturanalytiker George Steiner hält in seinem äußert lesenswertem Essaybuch "Lessons of the Master - Der Meister und sein Schüler" (London 2003; dt. Ausgabe bei Hanser 2004) fest: "Echtes Lehren hat man als imitatio eines transzendenten oder, genauer, göttlichen Enthüllungsaktes angesehen, jener Ausfaltung und Einfaltung von Wahrheiten, die Heidegger dem Sein zuschreibt (aletheia). (...) Der Lehrer ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Hörer und Bote, dessen inspirierte und dann geschulte Empfänglichkeit ihn dazu befähigt hat, einen offenbarten Logos, jenes 'Wort im Anfang', zu begreifen." (11) Der Lehrende als Hörer und Bote zugleich - eine treffende Metapher für das Verwobensein von input und output, die uns schon Carl-Philipp Emanuel Bach und Johann Friedrich Agricola im Nekrolog aus dem Jahre 1754 vom Großen Leipziger Cantor vermittelte, wenn es heißt: "Hier (in Arnstadt) zeigte er eigentlich die ersten Früchte seines Fleisses in der Kunst des Orgelspielens und der Composition, welche er größtenteils nur durch das Betrachten der Wercke der damaligen berühmten und gründlichen Componisten und angewandtes eigenes Nachsinnen erlernet hatte." Von Nichts kommt nichts: die imitatio steht auch hier als Erfassen des musikalischen Logos am Anfang des Schöpferischen und der Weitergabe des Gehörten als Bote. Musikalisch Denken zu lernen - so der Teminus bei Forkel - heißt offenbar, "Ordnung, Zusammenhang und Verhältnis", die Forkel als Schlüsselbegriffe dienen, durch angewandtes, eigenes Nachsinnen zu erfassen, zu be-greifen, um sie dann schreibend oder tastend zu verklanglichen und damit weiterzugeben. Die traditio lebt von der imitatio.

Wie sich nun aber wahre Schöpfungen von bloß epigonalem, collagenartigem Zitatwerk abheben, so ist auch im Verhältnis von Meister und Schüler ein entscheidender Punkt der Differenz: wird der Schüler aus der imitatio zur eigenständig musikalisch denkenden Persönlichkeit finden ? Wir er die Dynamik des Fire Angels von Bill Viola entwickeln, ins Wasser einzutauchen oder sich aus dem Wasser von seinem Spiegelbild zu entfernen, in neue Höhen aufzusteigen ? 

George Steiner sieht es dialektisch: "Der Meister lernt vom Jünger und wird durch diese Beziehung verwandelt in einem Prozeß, der sich im Idealfall in einen Austausch verwandelt. Das Schenken geschieht wechselseitig wie in den Labyrinthen der Liebe." (14) Im Akt der traditio bedarf es also des Austauschens der Gaben, aber notwendigerweise auch der Brüche, der Kritik, ja vielleichtdes Aufbegehrens gegen eine Lesart, eine vermittelte Übersetzung - nur so wird eine Tradition lebendig weitergegeben und so weiter leben. Auch unter diesem Aspekt ist das Bild des Fire Angels eine inspirierende Quelle.

Das Was der traditio, ihr Inhalt, ist in der Domaine der Musik recht vielgestaltig: das Hören, das Wissen um die musikalische Sprache, die instrumentale oder vokale "Technik", Kenntnis von Stilen und ihrer Epochengesetzmäßigkeit, Kommunikation zwischen Hörern und Interpreten - und nicht zu vergessen der Dialog mit dem Komponisten. Vielleicht fügt der greichische Begriff techne alles ohne Aufhebung der Differenzen zusammen: es geht um die Kunst als Ganzes, als Entität, nicht um Einzeldisziplinen -  wie Busoni es sagte: "Die echte Technik sitzt im Hirn."

Musikalisches Denken zu lernen und weiterzugeben bedarf des Feuers der Begeisterung und mündet in die Natürlichkeit und Leichtigkeit, die als unfaßbare Kraft großen Interpreten und Interpretationen eigen ist und die in Vollendung vielleicht nur die Engel haben...

Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge morgendliche Grate
aller Erschaffung; - Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

                                         Rainer Maria Rilke: 2. Duineser Elegie

 

Bill Viola: Descending Angel

from: FIVE ANGELS FOR THE MILLENIUM. Bill Viola im Gasometer Oberhausen, 2003.

 




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